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Ein Porträt des iranischen Komponisten Madjid Derakhshani!
Für
RADIOmultikulti / Funkhaus Europa (M 13) - 19.04.2002
Fast alle Meister der iranischen Kunstmusik haben folgende Eigenschaften:
Sie wirken verschlossen, sind bitter ernst, blicken finster drein, ziehen
sich unauffällig an und sind zu sehr auf kontrollierte Gesten und
Bewegungen bedacht.
Madjid Derakhshani ist einer der wenigen Komponisten, die in dieses Bild
nicht hinein passen. Nicht nur äußerlich wirkt er gelassen,
sondern auch beim Gespräch ist er unkonventionell. Diese Eigenschaft
hat auch in seiner Musik Spuren hinterlassen.
MUSIK!
Kommentar (
voice over):
Die iranische Kunstmusik besteht aus einer großen Anzahl von tradierten
Melodiefiguren. Diese Melodiefiguren werden in einer mehr oder weniger
vorbestimmten Reihenfolge improvisiert. Mit anderen Worten: ein Komponist
ist an bestimmte Muster gebunden. Deshalb hören sich viele Werke
der iranischen Kunstmusik ähnlich an. Doch es gibt Meister, deren
jeweilige Handschrift selbst für die Laien unverkennbar ist. Dazu
gehört der 45jährige Madjid Derakhshani:
O-Ton 1:
Manche Musikerfreunde im Iran sagen zu mir: deine Musik klingt anders,
hat eine andere Farbe. Ich glaube, das hängt mehr damit zusammen,
dass ich die katastrophale Entwicklung der letzten 17 Jahre in der iranischen
Kunstmusik nicht mitmachen musste. Die Musik steht unter der Obhut von
Menschen, die absolut keine Ahnung von Musik haben. Es gibt gute Musiker,
und auch einige gute CDs oder Kassetten, aber das, was sie als Musik in
Radio und Fernsehen ausstrahlen, ist schrecklich.
MUSIK!
Kommentar (voice
over):
Madjid Derakhshani wurde nach der islamischen Revolution des Jahres 1979
aus dem Orchester von Radio Teheran entlassen. Er passte nicht in das
Weltbild der neuen Machthaber. Also verließ er seine Heimat vor
17 Jahren und landete über Österreich in Deutschland. Hier hat
er mit einigen anderen iranischen Musikern eine Gruppe gegründet,
die immerr noch existiert. Nebenbei unterrichtete er Tar, was er auch
heute noch tut. Er hat Schüler in Kopenhagen, Malmö, Berlin,
Köln, Düsseldorf und einigen anderen deutschen Städten.
Deshalb ist er ständig unterwegs.
O-Ton 2:
Das Lehren ist sehr anstrengend. Manchmal habe ich das Gefühl,
dass ich gar keine Kraft mehr habe zu unterrichten, aber wenn ich meine
Schüler treffe, schöpfe ich aus ihren Energiequellen Kraft.
Mehr Kraft habe ich bei der Aufnahme meiner Kompositionen, wenn ich im
Studio bin. Ich bin manchmal 30 Tage hintereinander dort, aber ich spüre
überhaupt keine Müdigkeit. Ich vergesse einfach die Zeit.
MUSIK!
Kommentar (voice
over):
Derakhshani hat mit namhaften iranischen Musikern gearbeitet. Seine CD
"Dar Khial", mit dem Meistersänger Schadjarian ist zwar
ein leuchtender Stern in der iranischen Musikwelt, doch seine neuen Werke,
die in Zusammenarbeit mit internationalen Musikern zustande kamen, sind
etwas besonderes. In diesen Kompositionen ist der Einfluss von Jazz oder
indischer Musik unüberhörbar. Das hat zwei Gründe: Erstens,
er lebt in einer multikulturellen Gesellschaft und ist von der Musik aus
anderen Kulturkreisen beeinflusst worden. Zweitens: er setzt sogenannte
exotische Instrumente ein. Das macht seine Musik lebendiger und frischer.
O-Ton 3:
Am Anfang habe ich das gezwungenermaßen getan. Ich wollte meine
Kompositionen aufnehmen, doch im Ausland fand ich nicht genügend
iranische professionelle Musiker. Also habe ich mit Saxofon, Tabla und
Cello experimentiert, und es hat wunderbar geklappt. Ich habe das Gefühl,
dass diese Instrumente sich sehr gut einfügen und mit iranischen
Instrumenten harmonisieren.
MUSIK!
Kommentar (voice
over):
Nach einer alten Weisheit ist ein Musiker ein Baum, der seine Wurzel in
der Heimaterde hat. Pflanzte man diesen Baum um, würde er eingehen.
Das setzt voraus, dass die iranische Kunstmusik eine provinzielle Musik
ist. Doch Madjid Derakhshani ist ein lebender Beweis dafür, dass
diese Weisheit nicht allgemeingültig ist. Er ist in der Fremde besser
gediehen, als wenn er im Iran geblieben wäre. Er fühlt sich
überall dort zu Hause, wo er seiner Kunst unbekümmert nachgehen
kann.
O-Ton 4:
Die Deutschen, oder besser gesagt, die Europäer schätzen
den Wert der echten iranischen Kunstmusik. Manche können sogar zwei,
drei Stunden stillsitzen und einem Solostück zuhören, was für
viele Iraner langweilig wäre. Einmal hat der amerikanische Musiker
Chris Jarett mich gefragt, wie sich die klassische iranische Musik anhöre?
Ich habe ihm ein paar unterschiedliche Kassetten gegeben. Er kam am nächsten
Tag und zeigte mir eine Kassette und sagte: Diese hat mir am besten gefallen.
Das war eine rein traditionelle iranische Musik. Er war von dieser Musik
beeindruckt, und in seinen nächsten Stücken konnte man den Einfluss
dieser Musik heraushören. Musik ist eben eine international Sprache!
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